Soundtracking : Iceland – Wenn das Herzensprojekt gehen muss

madebyline

Regentropfen plätschern an die Fensterscheiben unseres Willis. Ein Tropfen hat sich genau in diesem Moment auf den Weg gemacht und fließt im Takt von Sigur Rós, der aus meinen Laptop-Lautsprechern melodeit, die Scheibe herunter und verschwindet aus meinem Sichtfeld. Gestern noch hat die Sonne geschienen, aber die warmen Strahlen würden heute nicht so richtig in die Stimmung passen, die mich ergriffen hat. Wie die Wolken, die über Nacht aufgezogen sind und die ersten Schneeflocken auf die Bergspitzen geschickt haben, legte sich mit jedem Kilometer, den wir in den letzten zehn Tagen auf Seyðisfjörður zufuhren, eine Art klamme Kälte auf meine Schultern und drückte. Ich hatte mir vorgenommen, meine Leichtigkeit, die sich hier heimlich in mein Leben geschlichen und mich von innen heraus gewärmt hatte, mit nach Hause zu nehmen und meinen Liebsten ein Stückchen zu schenken. Doch jetzt, in diesem Augenblick, wo der eisige Winter hereinbricht, muss ich mir eine dicke Wolldecke bis über die Nasenspitze ziehen, damit meine eigenen Füße warm bleiben, während wir auf den Stahlkoloss warten, der uns über das kalte Meer tragen und unerbittlich unserer alten Heimat übergeben wird. Wir stehen auf einem grauen Parkplatz und haben noch eine Nacht, die wir im Schutz unserer Berge verschlummern dürfen. Oder um die Gedanken des letzten halben Jahres zu ordnen, zu resümieren, was da eigentlich von ganz allein geschah. Weil wir es geschehen ließen.

Das letzte halbe Jahr Island war einzigartig. Unbeschreiblich. Schon während meine Finger diese Worte tippen, merke ich, dass sich mein Körper gerade rückt und diese bedeutungsschwangeren Worte herausschreien will. Also ist es richtig so. Weiter schreiben. Alles in die Tastatur hacken. ISLAND – EINZIGARTIG – UNBESCHREIBLICH. Das klingt pathetisch, meinst du? Ist es auch. Reinster Island-Pathos, der mit Island nur halb zu tun hat. Aber vielleicht beginne ich damit, mit Island, denn hier bin ich. Und hier habe ich das beste halbe Jahr meines Lebens verbracht.

Jans und mein Herzensprojekt Soundtracking : Iceland wurde offiziell im Oktober 2015 geboren, als wir uns dabei erwischten, dass wir wie zwei olle, alte Ziegen am Küchentisch saßen und meckerten. Jeder über den jeweils anderen, jeder für sich über die Arbeit, zusammen über Hamburg, Deutschland, den Papst, Horst Seehofer… Und als wir da so saßen, die Stirn in Falten, die Fäuste geballt und angelaufen, wie zwei Tomaten, die zu platzen drohten, kam irgendwo von ganz weit hinten im Kopf ein kluges Etwas hervor, dass zu lachen begann. Zu Recht wurden wir von ihm ausgelacht, hatten wir doch, hineingesteigert in unsere Zeter-Tour, nicht bedacht, dass die Misere, in der wir uns zu befinden glaubten, hausgemacht war. Wir waren unzufrieden. In erster Linie mit uns selbst. Denn wir waren faul. Zu faul, das eigene Glück in die Hand zu nehmen, zu faul, etwas zu verändern. Doch damit sollte jetzt Schluss sein. In einer zeremoniellen Geste gaben wir uns die Hand drauf. Und dann ging alles ganz schnell. Und wir nach Island.

Nach zwei Wochen Eingewöhnung in der sagenhaftesten Natur Islands mit Schnee, HotPots, Lava-Wüsten, Bergen, Wasserfällen und all den anderen Zauberkeiten, schmiss uns Soundtracking : Iceland tief in die isländische Gesellschaft. Nein, das stimmt so nicht. Wir katapultierten uns selbst hinein und nahmen unser Projekt mit. Wir socializten, was das Zeug hielt, schrieben E-Mails, telefonierten, schickten Interviewanfragen, Pressemitteilungen an alle Adressen, die wir fanden und machten uns auf jedweden Kanälen bemerkbar. „Hey, Island! Hallo Musikszene. Come on, see and join our fantastic project.“ Unsere Mühe zahlte sich aus. Es fand von Beginn an Anklang. Es war erfolgreich. Und das fühlte sich so verdammt gut an.

Für mich war Soundtracking : Iceland das erste umfassende Projekt in meinem Leben, dass ich gewagt hatte, ohne Kompromisse umzusetzen. Und das ist vielleicht der wichtigste Grund, warum es sich für mich so erfolgreich anfühlte. In Soundtracking : Iceland steckte vom ersten Tag an, als wir begannen, eine Crowdfunding-Kampagne vorzubereiten, bis heute, wo ich in Willi sitze und diese Zeilen verfasse, unglaublich viel Herzblut, Schweiß, Ärger, Verzweiflung, Freude, Persönlichkeit, Liebe, Überraschung, Arbeit, Entspannung, Freiheit und Berufung. Alles, was in den letzten sechs Monaten auf unserer Suche nach dem isländischen Sound passierte, dachten, schrieben, publizierten, spielten, erkämpften und durchlebten wir selbst. Wir fertigten die Kinderschuhe, brachten unserem Baby das Laufen bei, waren lieb zu ihm, als es pubertierte und halfen ihm dabei, erwachsen zu werden. Ich kann gar nicht ausdrücken, wie stolz ich darauf bin. Was wir mit Soundtracking über das Leben und Arbeiten, aber auch über uns gelernt haben, kann uns niemand mehr nehmen.

Meine schönsten Stunden hatte ich, wenn ich abends bei einem Tee, wahlweise war es auch ein Rotwein oder ein Bier, vor einem Blanko-Dokument saß und die vergangenen Tage Revue für euch passieren lassen habe. Wenn sich die ersten Worte leise in das Textdokument schlichen, das Blatt sich langsam füllte und ich Woche für Woche unsere Erlebnisse noch einmal nachfühlen durfte.

Ich habe das Schreiben schon immer geliebt. Ganz gleich, in welcher Form. Doch hatte es jetzt eine neue Bedeutung bekommen. Nicht zuletzt, weil ich alles endlich einmal rausließ. Andere daran teilhaben lassen konnte und wollte. Aber auch und vor allen Dingen, weil ich meine ganz persönliche Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes selber schrieb. Jeden Tag aufs Neue.

Ich schrieb zum Beispiel darüber, dass es eine besondere Herausforderung für mich war, ein soziales Netzwerk, mit dem wir arbeiten konnten, aus dem Boden zu stampfen. Nicht dass ich unkommunikativ oder scheu gewesen wäre, aber in ein neues Land zu kommen, eine neue Umgebung, eine neue Sprachfamilie, ohne Freunde, Bekannte, nur Jan und ich und Willi… Das bedeutete Arbeit in allen Lebenslagen. Umso erstaunter war ich, dass wir so schnell Anschluss fanden und sich die Telefonnummern schon nach kurzer Zeit stapelten, sodass wir gar nicht mehr wussten, wie wir all diese tollen Menschen in einem halben Jahr überhaupt treffen sollten.

Ich schrieb liebevoll zahlreiche Seiten über Musikvideos, die wir zum Beispiel mit unseren Freunden Jóhann und Ólafur drehten und über unfassbare Bands wie meine Lieblingsmusiker Dikta, Svavar Knútur, AdHd, Moses Hightower oder unsere wunderbar verrückte Harpa Fönn. Interviewpartner, Musiker, Festivals bekamen ihren Platz in unserem Blog. Ich schrieb allerdings auch viel über private Momente, meinen Jan, über Hvammstangi, dem Zuhause unserer Herzen, das pulsierende Reykjavík, das lauschige Akureyri, über unsere Gefühle, Heimweh, Lagerkoller, über unsere Freunde aus der Heimat, die uns besuchten, über Freunde, die wir hier fanden, über die wahnsinnige Natur und unsere Ausflüge. Und sogar über Fußball.

Auf all diese Dinge blicke ich nach einem halben Jahr zurück und merke, dass sie etwas mit mir gemacht haben. Dass ich an ihnen reifen werde, war mir bewusst, dass ich Erfahrungen sammeln und letztendlich auf unvergessliche Momente zurückblicken würde, irgendwie zu erwarten. Dass ich allerdings sechs Monate später ehrlich in der Lage sein würde, umzudenken und meine bisherige Idee vom Leben infrage stellen würde, hatte ich nicht erwartet.

Mein Leben lang dachte ich immer, dass es wichtig sei, einen Plan zu haben. Zu wissen, wie genau mein Leben in der Zukunft aussehen soll, welcher Schritt auf einen anderen folgt. Gut abgesichert sein, war mir wichtig, Versicherungen, ein fester Wohnsitz, ein festes Einkommen dachte ich, seien die besten Möglichkeiten, sich gut zu fühlen. Ich war der festen Überzeugung, dass es mir in Deutschland wirklich gut gehe, dass ich nach dem Studium einen Job finden würde, der mir meinen Lebensunterhalt sicherte. Geh studieren, dann klappt das auch mit der Arbeit. Zieh in eine Stadt, dort stehen dir alle Möglichkeiten zur Verfügung, nach denen du suchst, nach denen du dich sehnst. Dachte ich. Und immer wieder: Denk an deine Zukunft. Sorge vor. Das macht man so.

In meinem tiefsten Inneren wusste ich vermutlich schon länger, dass das alles ganz großer Käse ist, doch Überzeugungen sind hartnäckig. Sie finden immer wieder einen Weg, sich ins Bewusstsein zu schleichen und mit leeren Versprechungen verborgene Wünsche noch weiter ins Abseits zu drängen. Bevor Überzeugungen wirklich verschwinden, angepasst oder verändert werden können, müssen sie entlarvt werden. Gutes Zureden oder hitzige Diskussionen mit anders überzeugten Menschen haben bei mir noch nie eine große Wirkung gezeigt. Also musste ich es auf die harte Tour lernen.

Es sind die kleinen Dinge und Situationen im Leben, die einem manchmal den Kopf verdrehen. Und so saß ich während meines Studiums und auch danach mehrmals bei Bewerbungsgesprächen und verkaufte mich und meine Referenzen mit leeren Worthülsen, aufgeblähten Bewerbungen und einem Selbstbewusstsein, welches man von mir und anderen Bewerbern erwartete. Das klappte zu meiner eigenen Überraschung ganz gut. Es gab tatsächlich Menschen, die mich aufgrund meiner austauschbaren Standard-Phrasen einstellen wollten. Es funktionierte eine ganze Weile auf diese Art. Bis zu dem Zeitpunkt, als diese eine miese Frage ins Spiel kam: „Frau J., können Sie einmal beschreiben, wo Sie sich in zehn Jahren sehen?“. Eine äußerst beliebte Frage bei Bewerbungsgesprächen. Und die schlimmste, unehrlichste und sinnbefreiteste, die ich mir vorstellen kann. Und ja, das war der Moment, in dem meine Überzeugungen entlarvt wurden. Ich sie vielleicht selber entlarvte. Denn ich hatte absolut keine Ahnung, wie ich diese Frage derart beantworten konnte, dass ich eingestellt würde und im gleichen Zuge anschließend noch mit einem guten Gefühl in den Spiegel schauen sollte. Alles in mir sträubte sich dagegen, so weit in die Zukunft zu schauen bzw. so zu tun, als ob. Also antwortete ich genau das. Und verlor und gewann. Ich verzichtete auf einen Teil meiner Überzeugung, der mir Sicherheit und Stetigkeit versprach und entschied mich für etwas Ungewisses, dass ich erst noch ergründen wollte. Ich versprach mir selbst, mich nicht mehr in eine Situation zu begeben, in der man von mir erwartete, dass ich einem Gegenüber Einblicke in eine – meine – Zukunft gewähre, die ich selbst noch nicht gedacht hatte. Oder anders gesagt: Ich entschied mich gegen einen Job, der von mir erwartete, dass ich meine Zukunft zu Gunsten eines Unternehmens offenlegte und plante. Und traf die Entscheidung, mutig zu sein, ehrlich zu hinterfragen, was mir vermeintliche Sicherheiten wie ein fester Job oder eine Wohnung wirklich bedeuten.

Und da wären wir wieder am Anfang der kleinen Geschichte angelangt. Am Küchentisch, an dem Jan und ich unseren Entschluss fassten, unser Glück selbst in die Hand zu nehmen. Und gleichzeitig befinden wir uns auch an einem schönen, Holztisch in einem Café in Seyðisfjörður. Mittlerweile ist der Tag der Abfahrt angebrochen. Es regnet wieder. Aber dieses Mal sind es große, volle Tropfen, die kraftvoll auf die Erde platschen, sich in glasklaren Pfützen sammeln, in denen die Schnepfen ein Bad nehmen. Ich habe mich zwischenzeitlich vom Laptop weggeschlichen, ein letztes Mal die Magie der Nordlichter aufgesaugt und bin danach in Willis kuschelige Federn gehüpft. Ich habe gut geschlafen letzte Nacht. Weil es mir gut geht, nachdem ich das hier geschrieben habe. Zurückgeblickt habe auf die letzten Monate, in denen ich gut mit mir gewesen bin. Ich fuhr in einem Wohnmobil durch Island, hatte keine Wohnung, traf Menschen die ich vorher nicht kannte, Musiker, von denen ich vorher nicht wusste, erkundete die Natur, die ich so noch nie erfahren hatte. Ich hatte einen Vollzeitjob, den ich selbst gestaltete, der mir Spaß machte und doch kein Geld einbrachte. Niemand wollte von mir wissen, was ich für die Zukunft plane. Und genau deshalb, und nur aus diesem Grund, konnte ich mir eine Vorstellung davon machen, wie meine Zukunft aussehen kann. Ich hatte alles bei mir, was ich brauchte. Mut, Kraft, Neugierde, den Willen, etwas Eigenes zu schaffen und natürlich… Jan.

Danke Vorgesetzter in Spe, dass du mir bescheuerte Fragen gestellt hast, danke liebe Freunde, Bekannte und Familie, dass ihr an uns geglaubt, nicht geglaubt oder sogar gezweifelt habt. Danke, Hamburg, danke Deutschland, dass du wunderbar, einzigartig und abartig mit uns warst. Danke Island, dass du mit uns ins kalte Wasser gesprungen bist. Danke Jan, dass du da bist. Danke.

Kommentare (2)

  1. Wow, toll geschrieben und wow, das klingt nach Abenteuer… Ich freue mich mehr von dir zu lesen, das reist mich total mit. Manchmal finde ich mich selbst hier und da wieder. Weiter so…! 🙂

    Liebe Grüße, Sternchen

    • Vielen Dank, Sternchen.

      Ich bin auch schon ganz gespannt auf deine neuesten Beiträge. Mich würde zum Beispiel ein Artikel über „Container Houses“ interessieren. Dein „Tiny Houses“-Beitrag hat mich auf jeden Fall schon einmal angefüttert 🙂

      Liebe Grüße und schön, dass du dabei bist, Line

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