Der Traum ist geplatzt… zum Glück.

Lang, lang ist`s her, dass ich einen ausführlichen Blog-Beitrag geschrieben habe. Das hat vor allem mit allem zu tun. Mit den letzten Wochen, Monaten, dem halben Jahr back in Germany und auch damit, dass man sich erst einmal hinsetzen muss, sich eingestehen muss, dass der Traum für`s erste geplatzt ist. Dass Jan und ich nicht nach Island gehen werden.
Warum? Weil uns das Leben dazwischengekommen ist, das deutsche und das isländische. Und irgendwie ist das gut so, denn ich kann heute hier in der Pampa sitzen, mit einem lachenden und einem weinenden Auge. „Unser Traum ist geplatzt – zum Glück“, flüstere ich leise...

Teil 1 – Der Traum ist geplatzt

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Doch von vorn.
Wir haben im letzten Jahr viel geschwärmt über Island, die hiesige Musik, die Landschaft und Leute. Jeder wusste, dass wir uns schlimm in Island verliebt hatten. Dass wir in Deutschland alle Zelte abbrechen und über den großen Teich wechseln wollten, war offensichtlich.
Als wir Ende Oktober 2016 nach einem halben Jahr Island zurück nach Deutschland kamen, hatten wir gerade den ersten Zeh auf dem Boden, da waren unsere Gedanken schon beim Umzug. Und die Planung in unseren Köpfen bereits weit fortgeschritten. Alles fokussiert auf nur diese eine Idee, versteift auf den Traum, dort zu leben, wo wir frei gereist waren.

friends in Iceland

friends in Iceland

Sah gut aus für uns. Alle unsere lieben Freunde von dort packten mit an, kümmerten sich um dies und das, beantworteten unsere Fragen, sprachen mit Behörden, wichtigen Leuten, schauten und hörten sich für uns um, auf dem Immobilienmarkt, nach Jobs, Genehmigungen… Sie halfen uns mit dem, was halt so erledigt werden muss, wenn man ein Haus kaufen will. Dass uns am Ende so schnell unser Traumhaus begegnen sollte, hat uns nur noch bestätigt, dass das richtig war, was wir da taten.

Ein Haus

Lieblingshaus auf Island

Lieblingshaus auf Island

Mitten im Nichts und trotzdem nah an Akureyri fanden wir ein altes Bauernhaus, Baujahr 1895, das wir kaufen wollten. Es war etwas Besonderes, das sahen wir sofort. Sah nach Skandinavien aus, was in Island eher selten ist, war mit alten, schönen Dingen eingerichtet, mit Blick auf Berge, einen Fluss und das Tal. Beflügelt von den Bildern, Daten und Fakten, die das Immobilienportal ausspuckte, flogen wir Anfang des Jahres nach Island und schauten uns das Schmuckstück persönlich an, organisierten fachmännischen Rat (das Haus stand unter Denkmalschutz), klapperten selbst noch einmal Behörden ab und trafen uns zu guter Letzt mit den Eigentümern, um alles weitere auf den Weg zu bringen. Dieses Haus sollte es sein. Wir waren uns so sicher.

Wieder in Deutschland führten wir letzte Verhandlungsgespräche mit den Eigentümern und unseren Nachbarn in Spé, die uns einen beträchtlichen Anteil des Landes (45ha) abkaufen sollten, weil sie es selbst als Farmer bewirtschafteten. So richtig begeistert waren die Landwirte zwar nicht, dass da nach so vielen Jahren der Ruhe jemand Neues und eine Veränderung kommen sollte, aber die Eigentümer gaben uns immer ein gutes Gefühl, sodass wir weiterhin an ein wunderbares Landleben in unserer Zukunft glaubten.

iwasmadebyline-bei OPI

Wenn man in Buxtehude ist, sollte man zu OPI gehen. Da ist es schön.

Nach unserer Hausbesichtigung auf Island war alles organisiert. Die Handwerker waren in Planung, ich hatte einen Job in Akureyri, Jan diverse Angebote in der Musikszene, unsere isländischen Freunde standen in den Startlöchern und sogar ein Fernsehteam wollte uns auf unserer Reise begleiten. Nur die Fähre musste noch gebucht werden, die unseren gesamten Hausrat verschiffen sollte. Das einzige, was uns blieb, war warten. Wir saßen also in Buxtehude, wo wir zur Zwischenmiete bei meiner Schwester untergekommen waren, und starrten Löcher in die Wand. Morgens nach dem Aufstehen checkten wir zuerst die Mails, nur um enttäuscht festzustellen, dass da in Island keine Entscheidung fiel.

Aus die Maus

Wandern im Elbsandsteingebirge

Wandern im Elbsandsteingebirge

Bis zum 14.04.2017.
Wir hatten uns einige Tage rausgezogen aus der zermürbenden Warterei. Um den Kopf frei zu kriegen, packten wir unsere Rucksäcke und wanderten sechs Tage durch die Sächsische Schweiz. Eine weise Entscheidung, denn als wir auf dem Rückweg mit den Eigentümern telefonierten, fing uns diese angewanderte Gelassenheit und Ruhe auf, sodass wir nur halb im dunklen Loch verschwanden, das sich unter uns auftat. Die Farmer, mit denen wir ebenfalls über den Landverkauf verhandelten, hatten den Eigentümern, während wir über Stock und Stein in der Sächsischen Schweiz kraxelten, ein Angebot über das gesamte Haus inklusive Land gemacht. Unser Haus war weg. Ende der Geschichte.

Byebye Iceland

Byebye Iceland

Und damit auch das Ende unseres Traums auf Island. Denn wer sich im letzten Jahr schon einmal mit den Immobilienpreisen auf Island beschäftigt hat, weiß, dass da einiges passiert ist. So viel, dass selbst viele Isländer sich die Mieten und Kaufpreise nicht mehr leisten können. Durch hohe Kredite, von denen man schon im Vorwege weiß, dass man sie nicht zurückzahlen kann, finanzieren sich viele Isländer ihre Wohnträume. Bezahlbare Mietwohnungen zu finden ist nahezu utopisch. Ohne die Vision, eigenes Land und ein Häuschen zu besitzen, auf und mit dem wir eine Geschäftsidee realisieren können, war uns das Thema Auswanderung nach Island einfach zu heikel. Und vier Monate aktives Bemühen um ein Haus, das am Ende mit einem Satz verloren geht, zu kräftezehrend gewesen. Der Traum war geplatzt.

Teil 2 – Zum Glück

Büro

Büro

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich an meinem neuen heimischen Arbeitsplatz. Mein Büro ist bereits fertig eingerichtet. Ich sitze hier und kann sagen: „Ja, der Traum – denn das war die Auswanderung nach Island für uns: Ein großer, schöner Traum – ist geplatzt… zum Glück.“ Ich flüstere den letzten Teil des Satzes. Ich traue mich noch nicht, ihn laut hinauszuschreien. Aber mein Herz schlägt schneller, wenn ich ihn schreibe.

Ein halbes Jahr haben wir in Buxtehude organisiert, gewartet und sind meiner Schwester und ihrer Familie auf den Sack gegangen. Ein halbes Jahr sind wir unserem Traum hinterhergejagt, um am Ende ohne Plan B dazustehen. Am 14.04.2017 wussten wir nicht, wo wir in der Zukunft leben, wohnen und arbeiten würden. Mit dieser niederschmetternden Erkenntnis und all den ungeklärten Fragen, die wir an unsere Zukunft hatten, saßen Jan und ich – mal wieder – am Küchentisch und versuchten eine Lösung zu finden. So machen wir das immer, wenn Dinge nicht so laufen, wie wir sie uns ausgemalt haben. Auch Island begann für uns am Küchentisch, aus einem Gefühl heraus, dass sich etwas bewegen muss in unserer beider Leben.

Strudel

Während ich diese Zeilen schreibe, ist um mich herum das reinste Chaos. Musikinstrumente stehen im Wohnzimmer, Kartons überall, CD´s sind über den Boden verteilt, weil wir noch keine Möbel haben. Und doch: innerlich bin ich ganz ruhig.

Wohnzimmer

Wohnzimmer

Was also haben wir besprochen, als wir am 14.04. am Küchentisch saßen und alles so richtig doof gelaufen war? Wir haben uns in erster Linie versprochen, dass wir uns von einem geplatzten Traum nicht unterkriegen lassen. Wir haben entschieden, dass unser Leben uns gehört und wir etwas aus ihm machen können. Wir haben eingesehen, dass Island in unserem Herzen ist und wir es überallhin mitnehmen können. Denn Island hat – davon sind wir mittlerweile überzeugt – weniger mit Island als Land zu tun, sondern mit dem wunderbaren und einzigartigen Gefühl, dass wir etwas bewegen können, wenn wir unser Leben selbst in die Hand nehmen. Das tun, was wir können und was uns erfüllt.

Während ich diese Zeilen schreibe, freue ich mich über mein neues Zuhause. Über Freunde, mit denen wir Zeit verbringen und das schöne Fleckchen Erde, auf dem wir sein dürfen.

Grillen im Wendland

mit und bei Freunden im Wendland

Grillen im Wendland

mit und bei Freunden im Wendland

Uns hat es ins Wendland verschlagen. In eine große, helle Wohnung, die uns in den Schoß gefallen ist. Seit wir letzten Samstag eingezogen sind, bewegt sich wieder etwas in unserem Leben. Während wir in Buxtehude ausgeharrt haben, sind wir hier aktiv und unterwegs. Mit Freunden, Bekannten, Unbekannten, zum Grillen, auf viele Stunden Kaffee, zum Netzwerken, für Projektentwicklungen, bei Sonne, Regen und Sturm.
Gestern konnte ich aus meinem Büro das bunte Treiben auf dem Marktplatz beobachten, all die geschäftigen Ameisen, die Blumen, Obst, Gemüse oder Käse kauften. Der Tag war heiß, die Kinder schlabberten an ihrem Eis. Irgendwie hat mich das glücklich gemacht. Und irgendwie ist es gar nicht mehr so schlimm, dass ich nicht auf die Berge, den Fluss und das Tal schauen kann. Irgendwie bin ich hier angekommen. In meinem inneren Island. Dem Wendland.

Rede mit!