Buxtehuder Menschen #2 – Cupcakes mit Jasmin

madebyline

„Ich habe den Groove der Welt in mir“

„Ich habe den Groove der Welt in mir“, schmunzelt Jasmin, als ich sie nach ihrer Lieblingsmusik frage und umrahmt ihre urinnerste Überzeugung mit den Armen, indem sie die Luft über ihrem Kopf umarmt. Ich glaube ihr sofort, denn sie strahlt diesen Weltmensch-Esprit förmlich aus. Genau wie die Musik.

Auch ohne zu wissen, dass Jasmin eine erfolgreiche Sängerin ist, sieht man ihr ihre Profession an der Nasenspitze an. Zumindest jedenfalls, dass sie „irgendwas mit Kunst“ macht. Und zwar viel.

Aufgewachsen inmitten einer Multikultur kann das alles gar nicht anders sein, denke ich bei mir. Jasmin tourt seit Jahren durch die Weltgeschichte, singt mal afrikanische Lieder und lernt chinesisch, um Songs im fernen Asien zu präsentieren. Musik ist ihr Leben. Und ihr Leben ist Musik.

Wir treffen uns im Eat more Cake in Buxtehude, ein kleiner, mit buntem Zeug vollgestopfter Laden am Westfleth. Den Ort hat Jasmin ausgewählt, weil man hier ganz in Ruhe Tee trinken kann. „Die meisten wissen gar nicht, dass es hier hinten noch Tische gibt. Hier hat man seine Ruhe und kann bei leckerem Tee und Cupcakes entspannen.“ Zwischen Klimperkram zum Backen, Kochen oder einfach Hinstellen verbergen sich vier DIY Holztische und verschnörkelte Metallstühle, die zum Sitzen und Kaffeklatsch einladen. Es läuft gemütliche Musik. Tatsächlich ist es hier wirklich richtig lauschig, ein Café kuscheliger Natur.
Kurz wird es unruhig, als der Hund der Ladenbesitzer ausbüxt und niemand so recht weiß, wo das kleine, weiße, unheimlich wuschelige Wollknäuel hin ist. Wir müssen laut lachen über diesen freiheitsliebenden Vierbeiner. Und überhaupt: Während ich mit Jasmin zusammensitze, zuckersüße Cupcakes nasche und Tee trinke, wird viel gelacht. Laut und herzlich.

Als Tochter eines serbischen Vaters und einer deutschen Mutter ist Jasmin zwischen den Kulturen aufgewachsen und hat in beiden ihr Zuhause gefunden. Jugoslawisches Temperament und nordische Gelassenheit haben sich in ihr erfrischend vereint. Jasmin beweist, dass Menschen, die kulturell doppelt sozialisiert sind, von einer Art Vielfältigkeit profitieren und an dem Gemeinsamen beider Einflüsse wachsen können. Das Gemeinsame der Familie Antic ist die Musik. Und die gibt es in Jasmins Leben schon immer.

„Musik entsteht aus einem Seelengefühl.“

Den Grundstein für Jasmin Musikalität legen Eltern und Familie in ihrer Kindheit. Die Mutter, eine waschechte Hamburgerin, liebt Freddie Mercury. Der Vater bringt Balkanmusik ins Spiel, lehrt sie ursprüngliche, serbische Kinderlieder, steht aber auch unsagbar auf Stevie Wonder. Er ist es auch, der sie musikalisch schult, ihr schon im Alter von drei Jahren kleine Aufgaben stellt: „Jasmin, ich habe hier eine echt schwierige Melodie. Ob du die nachsingen kannst?“ Natürlich kann sie, schwelgt Jasmin in vergangenen Zeiten und lacht zwischendurch laut und herzlich auf, wenn ihr wieder noch musikalische Aufgaben einfallen, die ihr Vater ihr aufgetragen hat. Bis heute sei er ihr Mentor.
Von ihrer Tante, die in Frankreich lebt, saugt sie Chanson ein „wie nix Gutes“ und ihr Opa in Hamburg lehrt sie Jazz und Swing zu lieben. Schon im Alter von 9 Jahren nimmt Jasmin ihre erste CD auf. Und auch wenn der Song „Gefangen im Computerland“, eine schmissige Kinder-Eurodance-Nummer, heute etwas merkwürdig anmuten mag, sie zeigt, dass Jasmin und Musik einfach zusammengehören.

 

„Akzeptiere das, was du nicht ändern kannst. Trenne dich von dem, was dich runterzieht. Kämpfe für das, was dich weiterbringt.“

Zeit für ein neues Getränk. In Windeseile ist die Uhr weitergelaufen. Eine Stunde sitzen wir beide jetzt schon hier zwischen all den Süßigkeiten und vergessen die Zeit, amüsieren uns köstlich. Jasmin kichert schon wieder. „Manchmal frühstücke ich nicht, ich spätstücke. Dann gibt`s warmes Wasser mit Apfelessig und Honig. Finden andere immer eine komische Mischung, aber ich mag das. Das Künstlerdasein ist nämlich anders als anderes Dasein.“ Klingt logisch.

„Das letzte Jahr war für mich eine Schnellstraße, ich fühlte mich wie fremdgesteuert im Nebel.“

Wie es denn an einem normalen Tag einer Jasmin Antic nach dem Frühstück weitergeht, will ich wissen.
„Das ist wirklich jede Woche unterschiedlich. Manchmal stehe ich um 5 Uhr auf, damit ich meinen Freund überhaupt mal sehe.Manchmal schlafe ich lange, wenn ich am Abend vorher einen Gig hatte. Im letzten Jahr habe ich an die 100 Konzerte gespielt. Da richten sich die Tagesabläufe nach dem Tourplan.“ Manchmal, so erzählt sie weiter, ist es ihr zu viel. Auch wenn sie sich ihre Jobs selbst aussuchen kann, vergisst sie es hin und wieder, etwas für sich selbst zu tun. Es ist nicht leicht, wenn sich Business und Leidenschaft vereinen. Die Grenzen zwischen Arbeits- und Freizeit verschwimmen. Davon können alle selbstständigen Künstler ein Lied singen.
„Das letzte Jahr war für mich eine Schnellstraße, ich fühlte mich wie fremdgesteuert im Nebel. Langsam werde ich aber ruhiger und finde mich. Ich versuche kürzer zu treten und gehe ab und zu in den Wald, ich meditiere und bin auch mal für mich allein. Das tut mir gut. Manchmal gehe ich auch mit meiner Oma in Museen. Da haben wir uns gefunden, denn sonst will das niemand mit uns machen.“ Positiv sein, sich nicht ärgern lassen und alles, was einem gut tut, einfach machen. Das sind die Geheimrezepte, die ihr jeden Tag auf´s Neue Zuversicht und Freude verschaffen.

Wenn man so viel unterwegs ist, hat man dann überhaupt noch das Gefühl, dass man ein Zuhause hat, hake ich nach.
„Ich kann mich überall zuhause fühlen. Ich finde einfach das ganze Leben super spannend! Zuhause ist für mich eine Welt um mich herum, die mich neugierig macht.“

„Irgendwer hatte dann immer eine Gitarre dabei. Irgendwer hat immer gesungen. Und dann hoch die Tasse. Und das ist einfach schön. Ich sage immer, Musik verbindet. Das ist eine Sprache, die jeder versteht“

Und dann wird Jasmin plötzlich doch ernst. Wir reden über den Balkan, die Bedeutung der Musik in ihrem Teilzeit-Heimatland und über Deutschland. In Serbien ist Musik ein bedeutender Teil des praktischen Alltags, erinnert sich Jasmin. Bei jedem Familientreffen, jeder Feier, zu jedem Anlass, der sich bietet, holt immer irgendwer sein Musikinstrument hervor, bedient sich seiner Stimme und Musik begleitet ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Man musiziert miteinander, Musik stärkt das Identitätsgefühl, Musik verbindet und Musik ist eine Zeugin der Geschichte. Vergangenes wird in Liedern von Generation zu Generation weitergegeben und aktuelle Themen werden mit und durch Musik verarbeitet. „Balkanmusik hat ein anderes Seelengefühl, sie hat viel mehr Leid in sich. In Deutschland singt kaum mehr jemand zusammen. Niemand kennt deutsche Volkslieder. Ich finde das nicht nur traurig, sondern richtig schlimm. Wir haben die Identität zu uns selbst verloren. Niemand weiß mehr, wie wir sind und wie wir sein dürfen. Das hat vielleicht mit dem Heimatgefühl zu tun, mit dem sich niemand identifizieren kann. Ich höre immer wieder davon, dass Musikunterricht gestrichen wird, auch Kunstunterricht. Dabei passiert neurobiologisch so viel bei Musik, das ist total wichtig. Es ist wirklich traurig und erschreckend. Das gehört ja eigentlich alles zu uns. Und wir verlieren das langsam.“

Man sieht Jasmin an, dass sie dieses Thema wirklich bewegt.
Als Musikerin, die Melodien, Takte und Rhythmen bereits mit der Muttermilch eingesaugt hat, aber auch Texte, die sich mit der Welt, dem Menschen, seiner Geschichte, seinem Leid, seiner Freude beschäftigen, wird ihr immer mehr bewusst, dass die nächste Generation vielleicht all das nicht mehr so intensiv erfahren darf.

„Ich bin ein FalkenWolfSeehund“

Der Hund taucht wieder auf. Als wäre nichts gewesen, stürmt er hechelnd in den Verkaufsraum, biegt kurzerhand gerade eben so unfallfrei um die Ecke und tappelt die Treppe hinauf. Einfach so, als wäre nichts gewesen. Nebenan höre ich die Besitzer erleichtert aufatmen und auch ein bisschen fluchen.
Wenn eine Jasmin Antic ein Tier wäre, welches könnte das wohl sein, frage ich sie? Ihre Antwort geht zunächst in lautem Gegluckse unter. Witzige Frage, findet Jasmin. „Ich habe mir aber tatsächlich auch schon mal Gedanken darüber gemacht. Und habe rausgefunden, dass ich eigentlich drei Tiere bin.“ Kurze Pause.

„Im Grunde meines Herzens bin ich eine Seerobbe. Lustig, verspielt und tollpatschig. Ich liebe diese Tiere. Ja, die meiste Zeit bin ich eine Seerobbe. Aber ich bin auch manchmal nachdenklich, leidvoll und ein Einzelkämpfer. Ein bisschen wie ein Wolf. Meinen scharfen Blick, den ich mir im Laufe meiner Berufslaufbahn angeeignet habe, lässt mich aber auch ein Falke sein. Also bin ich in Wirklichkeit ein FalkenWolfSeehund. Mit Betonung auf Robbe.“

Ziemlich gut zusammengefasst finde ich.

Mehr über Jasmin gibt es hier (Web) oder hier (Facebook).

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