Buxtehuder Menschen #4 – Crossdresser Rudi

Crossdresser Rudi

Crossdresser Rudi

Dass Rudi Neumann und ich uns kennenlernen, ist reiner Zufall.
Eines abends sitzt ein kerniger Typ neben mir am Tresen. Seinen Schnurrbart trägt er üppig, er ist wettergegerbt, hat seine Brille auf die Nasenspitze geschoben und tippt auf seinem iPad herum, schimpft ein bisschen über die Technik. Wir kommen ins Gespräch über dies und das, die Arbeit, das Leben und das Wetter. Sprechen über Sachen, über die man eben so spricht, wenn man sich wochenends am Tresen einer Kneipe begegnet. Ein bisschen Geplänkel. Zeitvertreib.

Seinen Schnurrbart trägt er üppig, er ist wettergegerbt, hat seine Brille auf die Nasenspitze geschoben und tippt auf seinem iPad herum.

In der Kneipe sitzen noch andere Gäste. Schräg hinter uns eine Gruppe junger Burschen, die nicht von hier kommen, sondern irgendwo aus dem Süden, vermuten wir. Einer von ihnen sucht den Kontakt und ist mit einem halben Ohr bei uns. Mischt sich ein, als Rudi eine rauchen geht. Ihm ist aufgefallen, dass der maskuline Typ, der über den Tresen ragt, unterhalb der Tresenkante Röckchen und Damenstiefel trägt. Das passt ihm nicht in sein Weltbild. Irgendwann gehen er und seine Kumpel, zum Glück.

Was bleibt ist ein bitterer Nachgeschmack. Unangenehm ist das, wenn Menschen verurteilen, ohne nach den Hintergründen zu fragen. Ich würde Rudi gern fragen. Findet er gut, sagt er.

Eine Woche später: Wir sitzen im Sépareé des Bierbaums. Das hat Mitarbeiterin Angela für uns reserviert, damit wir uns ungestört unterhalten können. Man kennt Rudi hier, er ist Stammgast und quasi Inventar. Nach einem harten Arbeitstag, der gut und gerne mal 14 bis 16 Stunden dauern kann, trinkt er hier ein Feierabendbier und isst eine Frikadelle.
Rudi hat sich rausgeputzt für unser Treffen. Beim letzten Mal waren seine Schuhe und der kurze Rock schon beeindruckend, heute aber zieht er alle Register. Fleischfarbenes, hautenges, knappes Kleidchen, feinstes Feinripp, an den Schultern hat es näckische Aussparungen. Liegt an wie eine zweite Haut. Kann man machen, kann sich sehen lassen, denke ich. Die Beine dafür hat er. Untenrum wird`s dann gefährlich: Schwarze, glänzende Lederstiefel mit Absätzen, bei denen mir schwindelig wird. Plateau am Fußballen, unter die Hacke passt ein Pfennig.

Crossdresser Rudi

Crossdresser Rudi

Bist du eigentlich ein Transvestit?

„Bei den Mädels ist es Mode, Hosen zu tragen. Bei den Jungs und Kleidern ist das dann Crossdressing.“

„Bist du eigentlich ein Transvestit?“, eröffne ich das Interview. Irgendwie ein komisches Gefühl, jemanden, den ich gar nicht kenne, gleich zu Anfang so etwas Privates zu fragen. „Ich bin Crossdresser. Das sind Menschen, die gern die Kleidung des anderen Geschlechts tragen.“ Das heißt Männer tragen Frauenkleidung und Frauen Herrenkleidung? „Ja, genau. Nur, dass das bei den Mädels Mode ist, Hosen zu tragen und bei den Jungs und Kleidern ist das dann Crossdressing. Angefangen hat das mit den Hosen bei Frauen in den 20ern mit Marlene Dietrich. In den Weltkriegen konnten die Mädels außerdem nicht in Röcken und Kleidern arbeiten und Steine durch die Gegend tragen. Deshalb hat sich das modisch etabliert.“
Also hat das nichts damit zu tun, dass er auf Männer steht oder gern eine Frau wäre, will ich noch wissen. „Nein, aber das denken viele. Ich habe es ja selbst ziemlich lange geglaubt…“

„Oh meine Fresse, hab ich auf die Schnauze gekriegt. Der hat mich so verprügelt. Der hat gedacht, dass ich schwul bin.“

Wenn die Familie nicht verstehen kann

Als 10-Jähriger trägt Rudi das erste Mal Frauenkleidung.
Er wächst mit seinen streng katholischen Eltern in Grevenbroich im Rheinland auf, das vor einigen Jahren durch den deutschen Comedian Hape Kerkeling und seiner Figur „Horst Schlämmer“ zu unerwarteter Aufmerksamkeit in der deutschen Presse gelangte. Regelmäßig stibitzt er seiner Mutter Strumpfhosen und Schuhe und schlüpft in aller Heimlichkeit in die Kleidung, die sich für ihn so viel besser anfühlt als Jungssachen. Niemand soll etwas bemerken. „Oh, war das schön. Obwohl meine Mutter immer nur hässliche Schuhe hatte. Aber egal. Ich habe mich total gut gefühlt.“ Doch es kommt, wie es kommen muss: Eines Tages fliegt seine heimliche Leidenschaft auf. Sein „alter Herr“, wie Rudi seinen Vater nennt, erwischt ihn, als er wieder einmal Mutters Strumpfhose trägt. „Oh meine Fresse, hab ich auf die Schnauze gekriegt. Der hat mich so verprügelt. Der hat gedacht, dass ich schwul bin.“

Jungs in Strumpfhosen. In Grevenbroich in den 70ern macht man so etwas nicht. Das Weltbild in „der tiefsten katholischen Schneeeifel“ ist starr, die Geschlechterrollen klar verteilt. Die Sexuelle Revolution der 68er sei erst gar nicht angekommen, sagt Rudi. Für ein Anderssein hat man lediglich Kraftausdrücke und Gewalt übrig. „Typen, die Frauenkleider tragen oder rosa, werden im Rheinland verschrien als ‚Schwuchtel‘. Mein alter Herr hat richtig Angst vor Homosexuellen und Schwarzen.“ Bis heute darf Rudi sich so, wie er gern sein mag, nicht Zuhause sehen lassen.

Immer dann, wenn er kurz mutig genug ist, sich seinen engsten Vertrauten zu zeigen, zumindest mit ihnen zu teilen, wie er sich wirklich fühlt, haben sie kein Verständnis, wollen ihn anders haben.

im Verborgenen
Crossdresser Rudi

Crossdresser Rudi

Prügel, Drohungen und Abwertung aus der Familie hindern Rudi daran, seine Leidenschaft frei auszuleben. Stereotype Ansichten seines Vaters erschüttern ihn und führen dazu, dass Rudi irgendwann selbst glaubt, dass er homosexuell ist. „Mit 25 Jahren habe ich immer noch gedacht, ich sei schwul. Da wollte ich mir schon einen Termin in Eppendorf holen. Umoperieren lassen und so. Ich dachte, das geht einfach nicht, dass so`n Kerl mit Muskeln in Frauenkleidung rumläuft.“

Dann lernt Rudi seine erste Frau kennen. Kurz scheint sein Leben einen erfreulichen Verlauf zu nehmen. Sie heiraten und sind glücklich miteinander. Als verheirateter Mann entspricht er wieder den Vorstellungen seines Umfelds. Als Mann in Männersachen auch den Vorstellungen seiner Frau. Bis Rudi sie eines Tages in ihren Kleidern von der Arbeit abholt. Sie ist verdattert, schockiert. Weiß gar nicht mehr, was los ist. Sie trennen sich.
Seine zweite Frau lernt ihn in Overknee-Stiefeln, Leggins und rosa Plüschpulli kennen. Sie weiß von Anfang an Bescheid, denn mittlerweile traut sich Rudi abends mal im Damenoutfit raus. Vielleicht findet sie ihn gut in seinen Frauenklamotten? Im Nachhinein hat Rudi eine andere Erklärung für ihr Interesse: „Die hat wohl von Anfang an gedacht, dass sie mich retten müsste.“ Denn akzeptieren kann sie Rudis Leidenschaft nicht, stellt sich schnell heraus. Das hat Folgen: Seine Damenmode sortiert Rudi ihr zuliebe aus, behält nur wenige Stücke, die er hin und wieder heimlich anzieht. Wieder einmal verbirgt er seine Vorlieben – paradoxerweise – der Liebe zuliebe. 17 Jahre lang gibt Rudi sich Mühe, seinen Fetisch im stillen Kämmerlein auszuleben, meistens aber unterdrückt er ihn. Irgendwann geht es aber nicht mehr. Unter seiner Motorradkluft trägt er regelmäßiger Nylonstrumpfhosen. Ein Kompromiss aus seinem tiefen Verlangen, den Stoff auf der Haut zu spüren und der Angst, entdeckt zu werden. Als Rudis Frau das herausfindet, ist sie „völlig fertig“. Die Beziehung zerbricht.

Wenn Rudi seine Geschichte erzählt, entdeckt man immer wieder das gleiche Muster; ob Frauen, der Vater, die Familie: Rudi muss sich verstecken und wird sein Leben lang verurteilt, beschimpft, verprügelt, verlassen, weil er gern Frauenkleidung trägt. Immer dann, wenn er kurz mutig genug ist, sich seinen engsten Vertrauten zu zeigen, zumindest mit ihnen zu teilen, wie er sich wirklich fühlt, haben sie kein Verständnis, wollen ihn anders haben.

„Die Klamotten bringen mir mehr als alle Therapien für mein Selbstvertrauen. Mein ganzes Leben hat sich dadurch irgendwie verändert.“

Eine Ausnahme bilden seine Freunde. Als Rudi sich vor fünf Jahren dazu entschließt, auf die Meinungen der anderen zu pfeifen und fortan nur noch sich selbst treu zu sein, gehen zwar wenige Freundschaften auseinander, die meisten aber bleiben. „Ich ändere ja meinen Charakter nicht, ich trage nur andere Klamotten.“ Das haben viele seiner Freunde verstanden und unterstützen ihn.

Heute läuft er durch die Straßen in Buxtehude und schaltet auf Durchzug, wenn mal ein ätzender Kommentar fällt „Wenn mich einer dumm anmacht, dann interessiert mich das nicht mehr. Eigentlich sind die meisten Reaktionen aber auch ganz nett. Viele ältere Damen haben mich schon angesprochen und gefragt: ‚Frieren Sie nicht im Winter, wenn Sie so kurze Röcke tragen?‘ oder mir Komplimente gemacht: ‚Sie haben ja schöne Beine.‘ Nur jüngere Leute wissen gar nicht, was sie sagen sollen, die tuscheln dann und verhalten sich wie kleine Spießer.“
Die, die schlecht über ihn reden – davon ist Rudi überzeugt – sind „neidisch oder frustriert, weil sie ihren Fetisch nicht ausleben können“ oder auch gern mutiger sein würden.
Seitdem Rudi seine Damenmode öffentlich trägt, bei H&M in der Frauenabteilung einkaufen geht oder in Online-Shops nach den gewagtesten High Heels stöbert, ist er selbstbewusster geworden, sagt er. „Die Klamotten bringen mir mehr als alle Therapien für mein Selbstvertrauen. Mein ganzes Leben hat sich dadurch irgendwie verändert. Mir geht`s richtig gut. Vorher habe ich mich nicht wohl gefühlt und das strahlt man natürlich nach außen.“

Crossdresser Rudi

Crossdresser Rudi

Vermackter Typ mit zwei Seelen in der Brust?

Ines Hardtke-Arndt vom Mittwochsjournal fragte in ihrem Artikel über Rudi einmal: „Hat nicht jeder eine Macke?“ In großen, fetten Lettern prangt der Schriftzug neben einem Foto, auf dem Rudi sich in schwarz-weißem Kleid inklusive passendem Schuhwerk in Pose geschmissen hat. „Zwei Seelen“ wohnten in Rudis Brust, titelt sie.

Süß gemeint. Nette, boulevardeske Headlines, die alles andere als böswillig sind. Und doch trifft es nicht im Ansatz den Kern. Falls man an die Theorie glaubt, dass ein Mensch eine Seele hat, dann hat jeder genau EINE. Eine, die verletzlich ist, die durch Vorverurteilung, psychische und physische Gewalt verwundet werden kann, die sich durch Miss-Verständnis immer wieder neu ordnen, die eigene Identität überprüfen und mit Kraftaufwand vertreten muss. Diesen kräftezehrenden Prozess auf eine „Macke“ herunterzubrechen, als würde jemand aus den Buchstaben seiner Buchstabensuppe immer wieder das Wort „Macke“ auf den Tellerrand drapieren, wird der Sache nicht im Ansatz gerecht.

„So`n schönes Kleid und High Heels, da steh ich halt drauf.“

Rudi hat es über die Jahre zum Glück geschafft, seine Leidenschaft immer ernst zu nehmen und sich Schritt für Schritt seine Freiheit erkämpft. Andere haben leider nicht das Durchhaltevermögen, die Kraft, sich gegen Anfeindungen und starre Weltbilder zu stemmen und trotzdem ihr Ding durchzuziehen. Schon lange lässt Rudi sich nicht mehr einreden, er sei anders, er stände auf Männer, er sei transsexuell, mit ihm stimme etwas nicht. Diese Unsicherheiten gehören der Vergangenheit an. Für ihn ist in den letzten Jahren klar geworden: „So`n schönes Kleid und High Heels, da steh ich halt drauf.“ Nicht mehr und nicht weniger. Basta.

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