Buxtehuder Menschen #3 – Auf ein Wort mit Alexandra Kui

„Nur dass du es weißt: Ich habe heute echt schlechte Laune, mein Hund ist krank. Der hat eine fiese Ohrentzündung“

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Ich mag Alexandra Kuitkowski auf Anhieb. Sie ist kleiner, als ich sie mir vorgestellt habe und auf eine Art und Weise kompakt. Irgendwie ländlich mit kosmopolitischer Aura. Wenn sie Sachen sagt, dann sehr direkt und hinter ihren Augen versteckt sich der Schalk. „Nur dass du es weißt: Ich habe heute echt schlechte Laune, mein Hund ist krank. Der hat eine fiese Ohrentzündung“, warnt sie mich vor, als sie das DECK 2, ehemals eine Malerschule und heute ein Platz, an dem sich Kunst und Künstler tummeln, betritt. Sie schaut tatsächlich ein wenig muffelig drein. Und doch sieht man ihr an, dass sie sich besser fühlt, weil sie ausgesprochen hat, was sie bewegt. Sie passt gut in das naturbelassene Deck 2, finde ich. Ihre Haare trägt Alexandra lässig bis zum Kinn und wenn sie lacht, dann wackeln die Haarspitzen. Sie klingt wie ein wolkiger, aber freundlicher Regenschauer. Donnernd und belebend.

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Alexandra ist Schriftstellerin. Jahrgang 73, „fast 44 Jahre“ alt und untermalt ihre Geschichten, die sie mir im Laufe des Interviews erzählt, mit ihren kleinen Händen, die Finger immer eng aneinandergepresst, und doch alles andere als verstockt. Eher bedeutend. Zwischendurch schaut sie durch die Fenster hinaus auf die Este. Beobachtet den Lauf des Flusses. Das Geschehen auf der anderen Seite.

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„Ich dachte, ich bin dermaßen großartig, sowas ist noch überhaupt noch nicht dagewesen. Auch musikalisch war ich der festen Überzeugung, sowas Phänomenales hat es noch nicht gegeben.“

Dass sie einmal Schriftstellerin werden würde, war schon in ihrer Kindheit abzusehen, erzählt sie. „Bevor ich schreiben konnte, habe ich mir immer Geschichten ausgedacht und sie meiner Mutter für wahr erzählt. Bis sie irgendwann einmal sagte, dass man das nicht macht.“ Schwer zu bändigen so ein Mädchen, das seine Fantasie und Gedanken dringlich nach außen kehren mag.
In der Schule kann sie ihre Worte im Mantel der Musik erproben, im Studium arbeitet sie für Zeitungsverlage und vertieft ihre Federführigkeit in einem Volontariat. Die typische Heißspornigkeit der jungen Lebensjahre geht an Alexandra nicht spurlos vorüber. Mit Anfang 20 strotzt sie vor Selbstbewusstsein. „Ich dachte, ich bin dermaßen großartig, sowas ist noch überhaupt noch nicht dagewesen. Auch musikalisch war ich der festen Überzeugung, sowas Phänomenales hat es noch nicht gegeben.“ Jetzt sei sie kritischer. Das hat sie auch durch ihre Arbeit als Journalistin gelernt. Lange Zeit schreibt sie Reisereportagen für verschiedene Zeitungen, unternimmt Pressereisen. Sie tut das gern. Doch als eine Bekannte nur knapp dem Tode entrinnt, wird ihr bewusst, dass alles endlich ist und die Zeit für Träume begrenzt. Sie kündigt ihren Job und treibt ihre Schriftsteller-Ambitionen voran. Mit Erfolg. Seit 2003 hat sie 10 Romane, darunter Krimis, Jugendbücher und literarische Romane, veröffentlicht.
Heute sagt sie, den Journalismus habe sie hinter sich gelassen „Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Wenn man frei gelebt und gearbeitet hat, will man sich nicht in eine feste Form pressen lassen. Und ich hatte das Glück, dass ich als Autorin schnell Fuß fassen konnte und heute das tun kann, was ich liebe.“

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„Wenn ich mich binde, dann richtig. Ich habe lange gebraucht, um zu merken, dass das auch für mein Zuhause gilt. Wer bin ich wirklich? Das ist gar nicht so leicht.“

Dass Alexandra irgendwann einmal wieder in Buxtehude wohnen würde, hat sie selbst am allerwenigsten geglaubt: „Ich dachte, ich würde überall leben. In San Francisco, in Irland, Island. Aber niemals in Buxtehude.“ Wie viele Künstler stellte sie sich für ihre Zukunft ein Bauernhaus vor, irgendwo in der Weltgeschichte. Wohnt aber stattdessen in Hamburg, versucht den Sprung nach Amerika. Als sie sich einmal ernsthaft für ein altes Haus auf dem Land engagiert, entbrennt eine heiße Diskussion über die Sanierung einer Treppe. Man ist sich unüberwindbar uneinig darüber, was genau im Youtube-Tutorial gezeigt wird, wie man die Sache mit der Treppe angehen muss. Das war´s dann mit den Künstler-DIY-Haus-Ambitionen.
Sich niederzulassen fiel ihr immer schwer, erinnert Alexandra sich. Bis zu dem Zeitpunkt, als ihre Großeltern ihr ein Stück Land anbieten und sie sich entscheidet, in die alte Heimat zurückzukehren. Statt ein altes Bauernhaus zu erwerben, baut sie neu. „Wo mein Bolzplatz war, meine Go-Kart-Bahn, da ist jetzt mein Wohnzimmer. Das bedeutet mir viel. Wenn ich mich binde, dann richtig. Ich habe lange gebraucht, um zu merken, dass das auch für mein Zuhause gilt. Wer bin ich wirklich? Das ist gar nicht so leicht.“
Das Einzige, was sie jetzt noch nerve, seien die ständigen Buxtehude-Witze. „Ich habe mal in Goslar in der Petersilienstraße gewohnt. Und jetzt Buxtehude. Ich würde einfach gern mal eine ganz normale Adresse haben.“ Dieser trockene Humor, der nicht zuletzt Alexandras detaillierter Beobachtungsgabe stumpfer Alltags-Absurditäten geschuldet ist. Ich muss schmunzeln. Wer macht sich schon Gedanken über den Namen seines Wohnortes?

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„An einem Tag, an dem ich nicht gegangen bin, kann ich auch kaum schreiben.“

Der Norden. Ja, der musste es schon immer sein. Dorthin zieht es sie. „Ich mag das haben. Den weiten Himmel. Wenn der Blick weit geht. Ich bin eigentlich ziemlich verfroren. Aber ich finde es schön, wenn der Wind pfeift und die Wolken dramatisch sind.“ Als Alexandra einmal eine Pressereise nach Island unternimmt, wirkt die Insel mitten im hohen Nordatlantik tief: „Island hat mich seitdem nicht losgelassen. Falls es wirklich so etwas wie ein vorheriges Leben gibt, da ist es am durchlässigsten. Das ist wahnsinnig inspirierend. Wenn ich jemals hier weggehen würde, da könnte ich wohnen.“
Die Natur ist eng mit Alexandras Profession als Autorin verwoben, bekräftigt sie. „An einem Tag, an dem ich viel schreibe, muss ich viel durch die Landschaft gelatscht sein. An einem Tag, an dem ich nicht gegangen bin, kann ich auch kaum schreiben. Die raue Natur spiegelt meine Seele wider. Ich mag es weit im Kopf und Weite vorm Haus. Sich nicht anbiedern. Nach dem Motto: Du kannst mich liebhaben, kannst es aber auch bleibenlassen. Sturmfest sein. In meinen Romanen ist die Natur ein extra Protagonist.“
Um wirklich regelmäßig vor die Tür zu kommen, hat Alexandra schon seit jeher Hunde. Sonst wäre sie einfach zu faul, sagt sie. Das ist eine von vielen kleinen vermackten Anekdoten, die sie erzählt. Eine andere, dass sie gern nachts schreibe, das ginge jetzt, in dem neugebauten Haus, besonders gut, denn manchmal sei es in ihrem Haus „so ruhig, dass man denkt, man ist schon gestorben.“ Früher hingegen schrieb sie ihre Romane mit Musik auf den Ohren in ohrenbetäubender Lautstärke. Ob man sich dabei konzentrieren könne? Scheinbar ganz wundervoll.

iwasmadebyline - alexandra kui

„Mein Herz hat schon immer für sperrige Leute geschlagen.“

Die Geschichten in Alexandra Kuis Romanen werden von weiblichen Helden bewegt. Da liegt es nahe, nach den Gemeinsamkeiten von Autorin und Figuren zu fragen. Immer spreche das geschriebene Wort auch aus der Seele der Autorin, sagt Alexandra. Alltagsgewohnheiten flössen in die erzählte Welt, der Duktus sei der gleiche. „Es ist ja mein Kosmos. So wie ich die Welt sehe. Ich muss mich in alle Charaktere reinfühlen. In allen steckt sicher etwas von mir. In einigen sicher auch, wie ich gerne wäre.“
Da ist zum Beispiel Wiebke, die Protagonistin aus Alexandras literarischem Roman „Die Welt ist eine Scheibe“. Sie ist ein verletzliches Wesen und trägt diesen Zorn in sich, mit dem sie sich ihren Weg sucht. Wiebke stammt aus einer Bauernfamilie, die von den Problemen des Landschwundes betroffen ist. Ein aktuelles Thema, auch in der wahren Welt. Vor allem aber ein Thema, mit dem sich Alexandra auseinandersetzen musste; Wohnung in der Stadt, Leben auf dem Land?
Oder Fritzi, die alte Frau aus dem Roman „Widergänger“. Sie gibt nie auf. Lebt in ihrer eigenen Welt. Sie ist aufrecht, mutig „Mutiger als ich wahrscheinlich.“, lächelt Alexandra.
Es sind die sperrigen, etwas merkwürdig anmutenden Charaktere, die es ihr angetan haben. „Ich mag die, die es einem auch ein bisschen schwermachen. Mein Herz hat schon immer für sperrige Leute geschlagen. Das unterhält mich. Je glatter eine Figur ist, desto weniger glaube ich ihr.“ Manchmal gehe sie beim Schreiben dahin, wo es richtig wehtut. Nicht nur ihren Lesern, sondern auch ihr selbst. „Ich möchte Menschen fesseln, sie bewegen. Ich will, dass es tiefer geht. Aber dass sie es trotzdem als gut empfinden. Im besten Falle gehen sie mit einer Erkenntnis aus meinem Roman.“

iwasmadebyline - Deck 2 Malerschule

Alexandra schaut wieder aus dem Fenster, auf die Este, die heute in der Sonne glitzert. Ihre Hände ruhen auf den Lehnen des sattgrünen 70er-Jahre Sessels. Was sie sich denn für die Zukunft wünsche, frage ich abschließend. „Ich möchte einen Hund haben, der mal 18 Jahre wird und dass mein neues Haus nicht umfällt. Ein langes und glückliches Leben für mich und meine liebsten wäre schön.“ Bescheidene Wünsche sind das, und doch so essentiell. Aus ihnen spricht Alexandras detailliert beobachtete Genügsamkeit, das tiefe Einfühlungsvermögen in Familie, Freundschaft, die Natur und den Lauf des Lebens.

Liebe Alexandra, alles das wünsche ich dir auch. Aus meinem vollen, nordischen Herzen.

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ALTE MALERSCHULE, DECK 2 IN BUXTEHUDE

 

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